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Freitag, 23. Mai 2025

Reflexion: Der Lottospieler


Er spielt für 1,70 €,
eine Reihe,
6 Zahlen,
jede Woche,
seit zwei Jahren,
und hat nicht einmal gewonnen.

Kein Dreier. Kein Trost. Kein Rückschein.
Andere spielen für satte 15 €,
jede Woche 
verstreuen Systeme,
füllen ganze Felder.
Sie feiern gelegentlich einen Dreier,
manchmal auch einen Vierer –
doch nie ein Leben.

Die Marktstruktur-Analystin runzelt die Stirn:
„Die erwartete Ausschüttung pro investiertem Euro liegt bei 47 Cent.
Dies ist kein Value. Das ist Eintritt in ein Theaterstück ohne Pointe.“

Die Psychologin widerspricht nicht:
„Es geht nicht um den Gewinn.
Es geht darum, mitzuträumen.
Einmal pro Woche.
Legal, systemisch, ohne Konsequenz.“

Der Ethnologe legt die Stirn in Falten:
„Lotto ist das Ritual der modernen Sehnsucht.
Es ersetzt kein Einkommen – es ersetzt das Wunder.“

Die Kodiererin der Muster sagt nüchtern:
„Zwei Jahre, 104 Ziehungen, null Treffer – das ist kein Irrtum. Das ist Struktur.“

Doch der Denker sieht tiefer.
Er sieht, dass der Spieler nicht spielt um zu gewinnen,
sondern um dabei zu sein.

„Er will nicht in die Zahlen. Er will in die Pause zwischen ihnen.“

1,70 € – nicht als Einsatz,
sondern als Eintrittspreis
in eine Welt,
in der alles möglich ist,
bis das Ziehungsergebnis es widerlegt.

Die Hüterin sagt leise, fast unhörbar: „Er weiß, dass er verliert. Aber für 1,70 € verliert er mit Würde.“

Und so ist auch das ein Spiel –
ohne Value, ohne System.
Aber mit Gefühl.

Der Denker versteht.
Er spielt nicht mit.
Aber er urteilt nicht.

Denn nicht jeder Einsatz sucht Gewinn.
Manche Einsätze suchen nur einen Platz in der Geschichte der Möglichkeit.

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