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Sonntag, 16. August 2026

Die Aktie die ich jetzt nicht kaufe.

Infineon könnte zu den Gewinnern des KI-Zeitalters gehören. Doch ein großartiges Unternehmen, eine überzeugende Zukunftsgeschichte und ein steigender Aktienkurs sind drei verschiedene Dinge.
 – Der Denker vom Mekong

An der Börse gilt der Kauf als Handlung. Geld wird überwiesen, eine Order ausgeführt, eine Position erscheint im Depot. Es ist ein sichtbarer Vorgang, begleitet von Erwartung, Hoffnung und dem angenehmen Gefühl, eine Gelegenheit nicht ungenutzt verstreichen zu lassen.

Das Warten besitzt diese äußere Dramatik nicht. Es erzeugt keine Abrechnung, keine neue Depotposition und zunächst auch keinen Gewinn. Gerade deshalb wird es so häufig mit Untätigkeit verwechselt.

Doch manchmal ist die wichtigste Entscheidung eines Anlegers nicht der Kauf einer Aktie. Es ist die Weigerung, sie zum falschen Preis zu kaufen.
Infineon Technologies ist dafür ein bemerkenswertes Beispiel. Das Unternehmen gehört zu den weltweit führenden Herstellern von Leistungshalbleitern. Seine Produkte steuern elektrische Energie in Fahrzeugen, Industrieanlagen, Stromnetzen, Sensoren und zunehmend auch in Rechenzentren. Infineon ist nicht nur ein Zulieferer der Digitalisierung. Der Konzern sitzt an einer Stelle, an der sich zwei der mächtigsten wirtschaftlichen Entwicklungen unserer Zeit begegnen: die Elektrifizierung der Welt und der explosionsartig wachsende Energiebedarf künstlicher Intelligenz.
Das Unternehmen ist attraktiv.

Die Aktie ist es zu ihrem derzeitigen Preis noch nicht.

Infineon könnte zu den Gewinnern des KI-Zeitalters gehören. Trotzdem kaufe ich die Aktie bei 61,73 € nicht. Warum ein starkes Unternehmen noch kein guter Kauf ist – und Warten eine aktive Anlageentscheidung sein kann. 

Darin liegt die Chance.
Der AI-bezogene Umsatz soll im Geschäftsjahr 2026 mehr als 1,6 Milliarden Euro erreichen. Für 2027 hatte Infineon bislang rund 2,5 Milliarden Euro in Aussicht gestellt; diese Prognose soll im November wesentlich angehoben werden. Hinzu kommen ungefähr 500 Millionen Euro Umsatz mit klassischer Stromversorgung für Rechenzentren.
Das ist ein starkes Wachstumssignal. Es ist aber noch kein Beweis für den Wert der Aktie.
AI-bezogene Umsätze machen derzeit nur ungefähr ein Zehntel des Konzernumsatzes aus. Infineon ist kein reiner KI-Konzern. Fast die Hälfte des Geschäfts entfällt weiterhin auf den Automobilbereich. Das macht das Unternehmen technologisch breit, aber auch zyklisch. Wenn Automobilproduktion, Industrieinvestitionen oder Fabrikauslastung schwächeln, kann selbst ein stark wachsendes Rechenzentrumsgeschäft die Folgen nicht sofort auffangen.
Die Börse liebt einfache Geschichten. Unternehmen sind selten so einfach.
Marktführer – und trotzdem verwundbar
Infineon ist Marktführer bei Halbleitern für die Automobilindustrie und bei Leistungshalbleitern. Im Bereich der Mikrocontroller für Fahrzeuge erreichte das Unternehmen zuletzt einen Marktanteil von rund 36 Prozent. Langjährige Kundenbeziehungen, anspruchsvolle Zulassungsverfahren und die Verbindung von Hardware, Software und Systemwissen erschweren einen schnellen Lieferantenwechsel.
Das ist ein echter Wettbewerbsvorteil.

Aber ein Burggraben schützt nicht vor jedem Hochwasser.
Der Konzern besitzt eigene, kapitalintensive Fabriken. Bei hoher Auslastung entsteht daraus ein mächtiger Gewinnhebel: Die Fixkosten verteilen sich auf eine größere Produktionsmenge, während technologisch anspruchsvollere Produkte den Verkaufspreis und die Marge erhöhen können.
Bei niedriger Auslastung arbeitet derselbe Hebel in die entgegengesetzte Richtung. Überkapazitäten, Preisdruck und verzögerte Kundenaufträge treffen dann Marge und Cashflow gleichzeitig. Auch chinesische Wettbewerber bauen ihre Fähigkeiten aus. Partnerschaften und Design-Wins schaffen Möglichkeiten, aber erst ausgelieferte Produkte schaffen Umsatz. Erst profitabler Umsatz schafft Gewinn. Und erst tatsächlich zufließendes Geld schafft Wert für den Eigentümer.

Darum genügt es nicht, nach dem AI-Umsatz zu fragen.Die entscheidenden Fragen lauten:
Wie viel dieses Wachstums bleibt als operativer Gewinn übrig? Steigt die Rendite auf das eingesetzte Kapital? Verbessert sich der freie Cashflow? Und rechtfertigen diese Ergebnisse bereits heute den Preis, den die Börse verlangt?
Ein guter Preis enthält das Recht, sich zu irren
Beim Xetra-Schlusskurs vom 14. August 2026 kostete die Infineon-Aktie 61,73 Euro. Sie lag damit deutlich unter ihrem 52-Wochen-Hoch von 88,83 Euro.

Ein Rückgang von rund 30 Prozent kann günstig wirken. Er sagt für sich genommen jedoch nichts darüber aus, ob eine Aktie tatsächlich unterbewertet ist. Wer nur auf das frühere Hoch blickt, verwechselt einen historischen Preis mit einem inneren Wert.

Meine Szenariorechnung führt zu einem nüchternen Ergebnis.
Sollte Infineon bis 2029 einen Gewinn von etwa 3,55 Euro je Aktie erreichen und der Markt dafür weiterhin ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von ungefähr 21 bezahlen, ergäbe sich einschließlich der voraussichtlichen Dividenden ein Gesamtwert von etwa 76 Euro. Vom derzeitigen Kurs aus entspräche das ungefähr sieben Prozent Rendite pro Jahr.
Sieben Prozent wären für einen breit gestreuten Aktienmarkt vernünftig. Für eine einzelne zyklische Aktie, deren Erfolg von AI-Investitionen, Automobilkonjunktur, Fabrikauslastung, Margen und geopolitischem Wettbewerb gleichzeitig abhängt, ist das nicht genug.
Bei einem durchschnittlichen Einstiegspreis von etwa 47,77 Euro sähe dieselbe operative Entwicklung völlig anders aus. Die erwartete Jahresrendite des Basisszenarios stiege auf ungefähr 17 Prozent.
Das Unternehmen wäre dasselbe. Seine Fabriken wären dieselben. Seine Technologien und Kunden wären dieselben.
Nur der gezahlte Preis wäre ein anderer.
Und genau dieser Unterschied entscheidet darüber, wie viel Raum ein Anleger für Irrtümer besitzt.
Eine Sicherheitsmarge ist keine Garantie gegen Verluste. Sie ist das Eingeständnis, dass jede Prognose falsch sein kann. AI-Umsätze können langsamer steigen. Margen können enttäuschen. Wettbewerber können Preise senken. Die Automobilindustrie kann länger schwach bleiben. Anleger können außerdem überschätzen, welches Bewertungsmultiple der Markt in drei Jahren akzeptieren wird.
Wer einen niedrigeren Einstiegspreis verlangt, behauptet nicht, die Zukunft zu kennen. Er schützt sich gerade deshalb, weil er sie nicht kennt.
Drei Alarme, aber noch keine Kaufaufträge
Aus dieser Erkenntnis entsteht ein klarer Plan.
Oberhalb von 55 Euro wird zunächst keine Infineon-Aktie gekauft. Stattdessen werden Preisalarme bei 55, 51 und 44 Euro gesetzt. Die maximale Position beträgt 1.000 Euro. Das entspricht 0,4 Prozent des Referenzvermögens von 250.000 Euro.

Das Kapital soll in drei Stufen eingesetzt werden:
250 Euro im Bereich von 53 bis 55 Euro,
350 Euro im Bereich von 49 bis 51 Euro,
400 Euro im Bereich von 42 bis 44 Euro.
Die stärkste Tranche liegt am tiefsten. Doch keiner dieser Preise ist ein automatischer Kaufbefehl.

Ein Kursrückgang kann eine Gelegenheit sein. Er kann ebenso der Beginn einer fundamentalen Verschlechterung sein. Deshalb wird bei jedem Alarm neu geprüft, ob mindestens drei von fünf technischen Bereichen ein positives Bild ergeben: Trend und gleitende Durchschnitte, relative Stärke, Momentum, Preis- und Volumenstruktur sowie die Übereinstimmung mehrerer Unterstützungszonen.
Noch wichtiger ist die fundamentale Prüfung. Hat Infineon seine Prognose gesenkt? Bleibt die erwartete AI-Entwicklung intakt? Verbessern sich Margen und Cashflow? Steigt die Verschuldung? Verschärft sich der Preisdruck aus China?

Erst wenn Preis, Technik und Fundamentaldaten gleichzeitig überzeugen, darf eine Tranche ausgeführt werden.

Das ist keine mathematische Gewissheit. Ein technisches Signal kann sich als falsch erweisen. Eine Prognose kann wenige Wochen später korrigiert werden. Aber die Kombination mehrerer voneinander unabhängiger Kriterien verringert die Gefahr, aus einem günstiger wirkenden Kurs vorschnell auf einen günstigen Wert zu schließen.

Was geschieht, wenn die Aktie ohne mich steigt?
Diese Frage verfolgt jeden Anleger, der auf einen besseren Einstieg wartet.
Vielleicht veröffentlicht Infineon im November eine deutlich höhere AI-Prognose. Vielleicht verbessert sich die Nachfrage schneller als erwartet. Vielleicht dreht der Kurs schon oberhalb von 55 Euro und steigt auf 70, 80 oder 90 Euro.
Dann hätte ich nicht gekauft.
Das wäre kein Verlust. Es wäre eine nicht wahrgenommene Chance.
Zwischen beidem liegt ein entscheidender Unterschied. Verpasstes Geld war nie mein Eigentum. Verlorenes Kapital dagegen schon.

Auch das Warten hat einen Preis. Würden 1.000 Euro währenddessen mit 3,1 Prozent jährlich in deutschen Staatsanleihen angelegt, wären sie nach drei Jahren ungefähr 1.096 Euro wert. Ein sofortiger Infineon-Kauf könnte im Basisszenario etwa 1.231 Euro erreichen. Die entgangene Mehrrendite des Wartens läge damit bei ungefähr 135 Euro.
Im negativen Szenario könnte ein heutiger Kauf dagegen auf einen Wert von rund 583 Euro fallen. Gegenüber der Anleihealternative entspräche das einer Differenz von mehr als 500 Euro.
Die mögliche Belohnung des sofortigen Handelns ist begrenzt. Der mögliche Nutzen des Wartens ist deutlich größer.
Es geht nicht darum, jede Aufwärtsbewegung mitzunehmen. Es geht darum, nur Risiken einzugehen, für die man angemessen bezahlt wird.
Eine gute Entscheidung kann schlecht ausgehen
Der Erfolg des Plans lässt sich nicht allein am späteren Aktienkurs messen.
Steigt Infineon ohne vorherigen Rückgang auf 90 Euro, war das Warten nicht automatisch falsch. Fällt die Aktie nach einem regelkonformen Kauf auf 40 Euro, war der Kauf nicht automatisch falsch. Das Ergebnis einer einzelnen Entscheidung enthält immer auch Zufall, Marktstimmung und Informationen, die zum Entscheidungszeitpunkt noch nicht bekannt waren.
Eine schlechte Entscheidung kann durch Glück Gewinn bringen. Eine gute Entscheidung kann trotz sorgfältiger Analyse Verlust erzeugen.
Professionelles Investieren beginnt dort, wo diese beiden Dinge getrennt werden.
Die Qualität der Entscheidung bemisst sich danach, ob die verfügbaren Informationen vernünftig ausgewertet, alternative Szenarien berücksichtigt, Risiken begrenzt und vorher festgelegte Regeln eingehalten wurden.
Das ist auch der Grund für die geringe Positionsgröße. Selbst eine gründliche Analyse verwandelt Unsicherheit nicht in Gewissheit. Wer maximal 0,4 Prozent seines angestrebten Vermögens einsetzt, darf sich irren, ohne sein langfristiges Ziel zu gefährden.
Die Position ist groß genug, um bei einem Erfolg relevant zu sein. Sie ist klein genug, um bei einem Fehlschlag nicht über das finanzielle Leben zu bestimmen.
Wann aus dem Trade eine Investition werden darf
Infineon ist zunächst kein ewiger Depotbaustein. Die Idee besitzt einen Zeithorizont von einem bis drei Jahren: AI-Umsätze sollen wachsen, der Halbleiterzyklus soll sich erholen und die Margen sollen sich normalisieren.
Erst die Geschäftsentwicklung darf aus diesem taktischen Engagement eine langfristige Beteiligung machen.
Dafür müssen vier Bedingungen geprüft werden:
eine Segmentmarge von mindestens 22 Prozent,
eine Rendite auf das eingesetzte Kapital von mindestens zehn Prozent,
eine bereinigte Free-Cashflow-Marge von mindestens zehn Prozent,
eine Nettoverschuldung von weniger als dem Zweifachen des operativen Ergebnisses.
Erfüllt Infineon nach zwei Jahren mindestens drei dieser vier Bedingungen und bleibt die strukturelle AI-These intakt, kann ein Teil der Position länger gehalten werden.
Bleiben diese Beweise aus, endet die Geschichte. Nicht aus Enttäuschung, sondern weil die ursprüngliche Annahme nicht ausreichend bestätigt wurde.
Ein Unternehmen muss sich das Recht verdienen, dauerhaft im Depot zu bleiben.

Der eigentliche Vermögenswert
Der wichtigste Termin ist nun der Bericht zum Geschäftsjahr 2026 am 10. November. Dann muss Infineon zeigen, wie stark der AI-Ausblick für 2027 tatsächlich angehoben wird und ob das Wachstum auch bei Marge und Cashflow sichtbar wird.
Bis dahin gilt eine einfache Regel: keine Aktie oberhalb von 55 Euro kaufen. Drei Preisalarme setzen. Beim ersten Alarm die gesamte These erneut prüfen.
Mehr ist im Augenblick nicht zu tun.
Das mag unspektakulär wirken. Doch Vermögen entsteht selten durch eine einzige brillante Vorhersage. Es entsteht durch ein Verfahren, das über viele Jahre wiederholt werden kann: Chancen untersuchen, Preise vergleichen, Risiken begrenzen und auf Handlungen verzichten, deren erwartete Belohnung nicht ausreicht.
Vielleicht wird Infineon nie in mein Depot gelangen. Vielleicht wird der Kurs davonlaufen und die Analyse bleibt eine unbezahlte geistige Übung.

Auch dann wäre sie nicht wertlos.

Denn der eigentliche Vermögenswert ist nicht die Aktie. Es ist die Fähigkeit, eine überzeugende Geschichte zu hören, ihre wirtschaftliche Substanz anzuerkennen und dennoch zu sagen:
Das Unternehmen gefällt mir.
Aber nicht zu diesem Preis.

Samstag, 15. August 2026

📰 Ein ETF für Jahrzehnte – zehn Monate später


📰 Ein ETF für Jahrzehnte – zehn Monate später

Der Denker vom Mekong über Geduld, verpasste Chancen und die Kunst, einen guten Plan zu verbessern

Ban Phaeng am Mekong – 15. August 2026

Zehn Monate sind an der Börse kein Zeitalter. Aber sie reichen aus, um zu erkennen, ob eine Strategie tatsächlich funktioniert – oder nur auf dem Papier besonders klug aussieht.

Am 19. Oktober 2025 entstand das Projekt VGER 2032. Der "damalige Beitrag „Ein ETF für Jahrzehnte“" (https://nakhon-phanom.blogspot.com/2025/10/ein-etf-fur-jahrzehnte.html) beschrieb den Vanguard Germany All Cap UCITS ETF als langfristigen deutschen Aktienbaustein für den Ruhestand.

Kein hektischer Sparplan. Kein Kauf aus Angst, etwas zu verpassen. Stattdessen sollten klare Abstauberlimits dafür sorgen, dass erst dann gekauft wird, wenn andere Anleger nervös werden.

Der Plan war diszipliniert.

Doch zehn Monate später muss der Denker vom Mekong ehrlich feststellen:

Er war zu starr.

🧭 I. Fünf Teller – aber nur eine Stimme

Die Hüterin bleibt an seiner Seite. Sie gibt keine Kaufempfehlungen und berechnet keine Kursziele. Ihre Aufgabe ist eine andere: Sie wacht über Anstand, Moral und Ethik. Sie greift ein, sobald aus einer Möglichkeit ein Versprechen, aus Hoffnung angebliche Gewissheit oder aus einer guten Geschichte eine Täuschung wird.

Die Zahlen liegen auf dem Tisch.

Und plötzlich wird es still.

Denn seit dem 19. Oktober 2025 wurde keine einzige der vorgesehenen Kaufstufen erreicht.

Wir hätten bis heute keinen einzigen Anteil im Depot.

📊 II. Was tatsächlich geschah

Der ursprüngliche Referenzkurs betrug 34,00 €.

Die erste Kaufstufe lag bei 30,60 € – einem Rückgang von 10 %.

Doch der niedrigste Xetra-Kurs innerhalb der vergangenen zwölf Monate lag bei ungefähr 31,24 €. Der ETF fiel damit vom damaligen Referenzkurs nur um rund 8,1 %.

Unser erstes Limit wurde um lediglich 0,64 € verfehlt.

An der Börse ist „fast erreicht“ jedoch dasselbe wie „nicht erreicht“.

Ein Limit bei 30,60 € wird nicht ausgeführt, wenn der Kurs bei 31,24 € dreht. Die ursprüngliche Staffel hätte deshalb bis heute keinen einzigen Anteil gekauft.

Am 14. August 2026 notierte der ETF bei rund 36,49 €. Gegenüber dem damaligen Referenzkurs von 34,00 € entspricht das einem Kursanstieg von ungefähr 7,3 %.

Die aktuellen und historischen Notierungen können über die "Kursseite des Vanguard Germany All Cap bei Yahoo Finance" (https://finance.yahoo.com/quote/VGER.DE/) nachvollzogen werden.

Hinzu kamen seit Veröffentlichung des ursprünglichen Beitrags Ausschüttungen von insgesamt rund 0,785 € je Anteil:


- Dezember 2025: 0,0320 €

- März 2026: 0,0941 €

- Juni 2026: 0,6592 €

Wer beim damaligen Referenzkurs investiert gewesen wäre, hätte einschließlich dieser Ausschüttungen bis heute rechnerisch einen Bruttoertrag von ungefähr 9,6 % erzielt – vor Steuern und Handelskosten sowie ohne Wiederanlage der Ausschüttungen.

Unser tatsächlicher Ertrag betrug hingegen 0 %.


Nicht weil der ETF schlecht lief.

Sondern weil unser System keinen Einstieg zuließ.

📈 III. Die stille Macht des Vanguard Germany All Cap

Der "Vanguard Germany All Cap UCITS ETF" (https://www.vanguard.co.uk/professional/product/etf/equity/9688/germany-all-cap-ucits-etf-eur-distributing) mit der ISIN IE00BG143G97 und der WKN A2JF6S bleibt ein bemerkenswert günstiges Anlageinstrument.

Er investiert physisch in rund 146 deutsche Unternehmen und bildet große, mittlere und kleinere Gesellschaften ab.

Seine wichtigsten Merkmale:

- rund 146 deutsche Unternehmen

- vollständige physische Nachbildung

- quartalsweise Ausschüttungen

- laufende Kosten von nur 0,07 % pro Jahr

- Fondsvermögen von rund 258 Millionen Euro

- Auflegung am 17. Juli 2018

- Risikoklasse 6 von 7

„All Cap“ darf allerdings nicht mit einer gleichmäßigen Verteilung verwechselt werden.


Die größten Positionen waren zuletzt:


- Siemens: rund 11,4 %

- Allianz: rund 9,0 %

- SAP: rund 8,9 %

- Siemens Energy: rund 6,1 %

- Deutsche Telekom: rund 5,0 %

- Infineon: rund 4,4 %

- Münchener Rück: rund 3,7 %

- Deutsche Bank: rund 3,0 %

- DHL Group: rund 2,9 %

- Rheinmetall: rund 2,9 %

Die zehn größten Unternehmen stellen zusammen deutlich mehr als die Hälfte des Fondsvermögens.

Auch bei den Branchen ist eine klare Konzentration erkennbar:

- Industrie: rund 31 %

- Finanzunternehmen: rund 22 %

- Technologie: rund 15 %

Das ist kein defensiver Sicherheitsbaustein.

Es ist ein konzentriertes Investment in die deutsche Volkswirtschaft – mit allen Chancen und allen strukturellen Problemen des Landes.


🔍 IV. Der Prüfstein:

Die ursprüngliche Geschichte enthielt richtige Gedanken, aber auch zu große Versprechen.

1. Der ETF ist nicht automatisch inflationsgeschützt

Aktien verbriefen Eigentum an produktiven Unternehmen. Unternehmen können steigende Kosten teilweise über höhere Preise an ihre Kunden weitergeben.

Langfristig besteht deshalb eine vernünftige Chance, die Inflation zu übertreffen.

Kurz- und mittelfristig können Inflation, hohe Energiepreise, steigende Löhne, höhere Zinsen und schwache Exporte deutsche Unternehmen jedoch erheblich belasten.

Der ETF ist somit kein Inflationsschutzschild.

Er ist eine Beteiligung an Unternehmen, die versuchen müssen, schneller zu wachsen als ihre Kosten.

2. Eine Verdoppelung in sieben Jahren ist möglich – aber nicht planbar

Für eine Verdoppelung innerhalb von sieben Jahren wäre eine durchschnittliche jährliche Rendite von etwa 10,4 % erforderlich.


Das kann gelingen.

Es kann aber ebenso gut zehn, zwölf oder noch mehr Jahre dauern.

Wer zu einem bestimmten Zeitpunkt 6.000 € benötigt, darf nicht darauf vertrauen, dass aus 3.000 € automatisch 6.000 € werden.

3. Mehr als 10 % Jahresrendite sind kein seriöser Planwert

Eine langfristige Gesamtrendite von mehr als 10 % pro Jahr ist ein günstiges Szenario, kein Anspruch.

Für unsere Planung sollten wir vorsichtiger mit etwa 6 bis 8 % nominaler Jahresrendite rechnen.

Alles darüber ist willkommen.

Aber es darf weder fest eingeplant noch vorzeitig ausgegeben werden.

Die Hüterin blickt auf die alten Versprechen und sagt:

„Hoffnung darf Teil eines Plans sein. Aber sie darf niemals als Gewissheit verkauft werden.“

⚖️ V. Ist der ETF heute noch günstig?

Zum 30. Juni 2026 lag das Kurs-Gewinn-Verhältnis des Portfolios bei ungefähr 17,5. Das Kurs-Buchwert-Verhältnis betrug rund 1,8.

Die Eigenkapitalrendite der enthaltenen Unternehmen lag bei etwa 13,4 %.

Das ist weder ein historisches Schnäppchen noch eine erkennbare Blase.

Der ETF ist gegenwärtig ordentlich bis durchschnittlich bewertet. Gleichzeitig befindet sich sein Kurs nahe dem bisherigen 52-Wochen-Hoch.


Das spricht gegen einen großen Sofortkauf.


Es spricht aber nicht dafür, weitere Jahre vollständig ohne Anteile zu bleiben.


Die Bewertung verlangt Maß – keine Untätigkeit.


📐 VI. Die neue Kunst der Abstauberlimits

Die wichtigste Erkenntnis der vergangenen zehn Monate lautet:

Geduld ist eine Stärke. Eine Strategie, die dauerhaft jeden Einstieg verhindert, ist jedoch keine Geduld mehr, sondern Starrheit.

Deshalb wird der Plan neu aufgebaut.


Als Grundlage dient weiterhin ein maximales Investitionsbudget von 3.500 €.


Die erhofften 6.000 € Marktwert bis 2032 bleiben ein mögliches Ergebnis – aber kein fest eingeplanter Anspruch.


Die neue Kaufstaffel

Kaufstufe| Kursziel| Gewichtung| Betrag

Basisposition jetzt| etwa 36,50 €| 10 %| 350 €

Erster Rücksetzer| 34,00 €| 10 %| 350 €

Normale Korrektur| 32,50 €| 15 %| 525 €

Altes Einstiegslimit| 30,60 €| 20 %| 700 €

Stärkerer Rückgang| 27,20 €| 20 %| 700 €

Bärenmarkt| 23,80 €| 15 %| 525 €

Schwere Krise| 20,40 €| 10 %| 350 €

Gesamt| | 100 %| 3.500 €


Damit verbinden wir zwei Prinzipien:


Wir sichern uns mit einer kleinen Basisposition die Teilnahme an der langfristigen Entwicklung.

Gleichzeitig bleiben 90 % des vorgesehenen Kapitals für bessere Kurse verfügbar.

Wir kaufen heute nicht groß, weil der ETF nahe seinem bisherigen Hoch steht.

Aber wir akzeptieren auch nicht länger das Risiko, im Jahr 2032 noch immer auf den perfekten Rückgang zu warten.


💰 VII. Die Dividendenpyramide – neu gerechnet

Die Ausschüttungsrendite des ETF liegt gegenwärtig grob im Bereich von 2,1 bis 2,2 %.

Bei einem späteren Marktwert von 6.000 € ergäbe das zunächst ungefähr:

- 2,1 % → 126 € brutto pro Jahr

- 2,5 % → 150 € brutto pro Jahr

- 3,0 % → 180 € brutto pro Jahr

- 3,5 % → 210 € brutto pro Jahr


Diese Beträge sind keine Zusagen.

Ausschüttungen können steigen, stagnieren oder gekürzt werden. Gerade bei einem Deutschland-ETF hängen sie stark von Industrie, Banken, Versicherungen und der allgemeinen Konjunktur ab.

Bis 2032 werden sämtliche Ausschüttungen wiederangelegt.

Erst später entscheiden wir, ob sie als Einkommen ausgezahlt oder weiterhin reinvestiert werden.


🔒 VIII. Der richtige Platz im Gesamtvermögen


Der Vanguard Germany All Cap ist kein Ersatz für einen Welt-ETF.

Er ist keine Anleihe.

Er ist kein Notgroschen.

Er ist ein Deutschland-Satellit.

Das ist für unser Depot besonders wichtig, weil bereits direkte deutsche Beteiligungen vorhanden sind – vor allem Allianz.

Jeder Kauf des ETF erhöht indirekt auch den bestehenden Allianz-Anteil. Bei einem Allianz-Gewicht von rund 9 % fließen von 1.000 investierten Euro ungefähr 90 € zusätzlich in Allianz.

Bei einem angestrebten Gesamtvermögen von mindestens 250.000 € im Jahr 2032 wären 6.000 € im Vanguard Germany All Cap ungefähr 2,4 % des Gesamtvermögens.

Diese Größenordnung wäre vertretbar.

Heute wäre eine sofortige Investition von 6.000 € dagegen zu groß und unnötig konzentriert.


Die Position darf wachsen.

Sie darf das Gesamtdepot aber nicht beherrschen.

🔄 IX. Was künftig geprüft wird


Viermal jährlich erfolgt ein kurzer Systemcheck:


- Fondsvolumen und Handelbarkeit

- Kostenquote

- Anzahl und Konzentration der Positionen

- Bewertung des Portfolios

- Ausschüttungsentwicklung

- strukturelle Entwicklung der deutschen Wirtschaft

- Überschneidungen mit vorhandenen Einzelaktien

- Abstand zu den hinterlegten Kauflimits


Die Limits werden nicht automatisch nach oben gezogen, nur weil der Markt steigt.


Sie werden nur verändert, wenn sich Bewertung, Ausschüttungen oder unsere gesamte Vermögensstruktur wesentlich ändern.


Die vorgeschlagene Basisposition ist die einmalige Korrektur eines Konstruktionsfehlers.


Sie ist kein Beginn hektischer Käufe.

🌉 X. Ein besseres Depot wie eine Brücke


Der ursprüngliche Plan wollte eine Brücke bauen, die Jahrzehnte übersteht.

Doch eine Brücke erfüllt ihren Zweck nur, wenn man sie tatsächlich betritt.

Zehn Monate lang standen wir am Ufer und warteten darauf, dass das Wasser exakt 10 % sinkt.

Es sank nur um 8,1 %.

Danach stieg es wieder.

Die Lehre daraus ist nicht, jedem steigenden Kurs hinterherzulaufen.


Die Lehre lautet:

Ein langfristiger Investor braucht einen Fuß im Markt und einen zweiten auf festem Boden.

Eine kleine Basisposition schafft Teilnahme.

Abstauberlimits schaffen Antifragilität.

Liquidität schafft Handlungsfähigkeit.

Klare Obergrenzen schützen vor Selbstüberschätzung.


💡 XI. Die Hüterin wacht

Die Hüterin beurteilt keine Börsenkurse.

Sie entscheidet nicht, ob 36,50 € günstig oder teuer sind.

Sie wacht darüber, dass der Denker seine Leser nicht mit großen Versprechen verführt. Dass Risiken nicht hinter poetischen Bildern verschwinden. Dass aus einer Hoffnung keine Gewissheit gemacht wird.


Sie betrachtet den alten Satz, der ETF werde jedem Sturm standhalten, und erinnert daran:

Auch ein Bambuswald kann beschädigt werden.

Auch Unternehmen können scheitern.

Auch ein breit gestreuter ETF kann zeitweise 30, 40 oder 50 % seines Wertes verlieren.


Das ist keine Schwäche der Strategie.

Aber es wäre unredlich, diese Möglichkeit zu verschweigen.

Die Hüterin sagt:

„Ein anständiger Investor spricht nicht nur über das, was er gewinnen kann. Er spricht ebenso klar über das, was er verlieren könnte.“


Der Denker nickt.

Denn zehn Monate später wissen wir mehr.

Der ETF hat seinen Zweck nicht verloren. Die deutsche Wirtschaft bleibt schwierig, zyklisch und voller Widersprüche.

Aber gerade deshalb ist der breite und kostengünstige Zugang interessanter als die Jagd nach einzelnen vermeintlichen Gewinnern.

Was sich geändert hat, ist nicht das Instrument.

Es ist unser Umgang damit.


🔚 Fazit: Heute handeln – aber nicht jagen

Wir würden heute eine kleine Basisposition von rund 350 € eröffnen.

Nicht weil der ETF gerade billig wäre.

Nicht weil morgen sicher weitere Kursgewinne folgen.


Sondern weil das Ziel ein langfristiger Bestand bis weit über 2032 hinaus ist – und eine reine Abstauberstrategie uns zehn Monate lang vollständig außerhalb des Marktes gehalten hat.

Die übrigen 3.150 € bleiben für wirkliche Rücksetzer reserviert.


So entsteht kein perfektes Portfolio.

Aber ein reales.

Eines, das bereits wächst und gleichzeitig auf Krisen vorbereitet bleibt.

Und während der Mekong den Abendhimmel spiegelt, bleibt ein nüchterner Gedanke zurück:


Geduld bedeutet nicht, niemals zu handeln.

Geduld bedeutet, klein zu beginnen – und groß vorbereitet zu sein.

🔗 Quellen und weiterführende Informationen

- "Offizielle Produktseite des Vanguard Germany All Cap UCITS ETF" (https://www.vanguard.co.uk/professional/product/etf/equity/9688/germany-all-cap-ucits-etf-eur-distributing)

- "Aktuelle und historische Xetra-Kurse bei Yahoo Finance" (https://finance.yahoo.com/quote/VGER.DE/)

- "ETF-Profil bei justETF" (https://www.justetf.com/de/etf-profile.html?isin=IE00BG143G97)

- "Produktseite der Deutschen Börse" (https://live.deutsche-boerse.com/de/etf/vanguard-germany-all-cap-ucits-etf)

- "Der ursprüngliche Beitrag vom 19. Oktober 2025" (https://nakhon-phanom.blogspot.com/2025/10/ein-etf-fur-jahrzehnte.html)